Wie gut sind Kaufhausteleskope?
von Herbert Zellhuber
Vor kurzem erhielt ich einen Anruf von einer älteren Dame, ob ich Verwendung für ein kleines Teleskop hätte. Ich könnte es umsonst haben! Sie schenkte das Fernrohr vor über 20 Jahren ihrem Mann, der jedoch nicht damit zurecht kam. Wie er sagte, ist die Montierung eine ziemlich wacklige Geschichte. Nun gut, bevor es im Müll landet, hole ich das Gerät ab.
Das Instrument ist ein Refraktor 60/700 auf einer azimutalen Montierung. Als Zubehör sind dabei: ein Sucher 5×24, drei Okulare mit 24,5er Steckhülse (6, 10 und 20 mm Brennweite), eine 2fach-Barlowlinse, ein Zenitprisma und jeweils ein Okularfilter für die Mond- und Sonnenbeobachtung.
Als erstes wollte ich das Objektiv testen. Mir fiel gleich auf, dass die Streulichtblende im Tubus sehr eng gewählt ist; 300mm hinter dem Objektiv ist eine solche im Durchmesser von 26 mm angebracht. Auch das innere Rohr am Okularauszug, welches zum groben Fokussieren per Hand verschoben wird, hat jeweils zwei weitere 14-mm-Blenden. Beim genaueren Ausmessen stellte ich fest, dass so weniger als 50 mm der Öffnung genutzt werden können. Ich entfernte deshalb die Blende im Tubus sowie das innere Auszugrohr, damit ich auch mit meinen 1¼"-Okularen testen konnte. Hierzu befestigte ich noch ein passendes Rohrstück am Okularauszug. Zuerst probierte ich mit dem 32er Okular und konnte feststellen, dass das Bild recht passabel war. Dann das 20er Okular: Auch hier war die Abbildung gut und von der "Farbe", also dem sekundären Spektrum, war kaum etwas zu sehen. Nun sollte das Verhalten am künstlichen Doppelstern geprüft werden. Dazu wählte ich ein 6er Okular, was einer Vergrößerung von 116fach und einer Austrittspupille von 0,5mm entspricht. Ich war erfreut, als ich damit einen Doppelstern mit einem Abstand von drei Bogensekunden leicht trennen konnte. Das Objektiv ist also nicht schlecht! Aber mir fiel bei der Handhabung des Instrumentes auf, dass die Mechanik der Montierung einige Macken hat. Das Einstellen, besonders bei hoher Vergrößerung, war alles andere als einfach. Deshalb nahm ich die mechanischen Komponenten etwas genauer unter die Lupe.
Das Dreibein besteht aus Stahlrohren, wobei mit dem inneren Rohr die Höhe eingestellt wird. Mit 2 kg ist es um ein halbes Kilo schwerer als mein Fotostativ, ist jedoch nicht stabiler als dieses. Zum Tragen der Montierung und dem Fernrohr mit insgesamt 1,5 kg reicht es aber aus. Etwas kritischer sehe ich jedoch den Aufbau der Montierung. Der Tubus ist nicht wie bei einem Dobson im Schwerpunkt gelagert, sondern dieser liegt hier oberhalb. Steht der Tubus schräg und lässt man diesen los, so kippt dieser nach hinten. Deshalb muss man die Schiebestange zwischen Montierung und Tubus klemmen. Durch das Drehen der Rändelmutter an der Stange ist dann eine Höhenfeinbewegung möglich. Da die Lagerung in Azimut und noch im stärkeren Maße das Höhenlager relativ viel Spiel aufweist, hat man beim Einstellen des Fernrohrs auf ein Objekt Schwierigkeiten. Laut Bedienungsanleitung liest man folgendes: "Dieses Teleskop ist so gebaut, dass selbst ein Kind das Teleskop mit Leichtigkeit und Vergnügen benutzen kann." Dem kann ich jedoch nicht zustimmen! Will man ein Himmelsobjekt im Fernrohr zentrieren, so ist jedes Mal das Spiel von den Lagern und der Mechanik über Schiebestange usw. zu berücksichtigen. Und das sind immerhin mehr als 2°! Auch das Aufsuchen eines Objekts über den Sucher ist nur bedingt möglich. Bei näherer Betrachtung entpuppte sich der 5×24 Sucher als ein schlechter Witz. Er hat zwar eine Linse mit 24mm Durchmesser, ist aber kurz hinter dem Objektiv auf 6mm abgeblendet! Offensichtlich sollten damit die störenden Farbsäume des einlinsigen Chromaten unterdrückt werden. Mit dem Konstrukteur dieses "Suchers" würde ich mich gerne unterhalten... Hat man es trotzdem geschafft, ein Objekt am Himmel zu finden, geht es mit dem Nachführen weiter. Und dafür ist sehr, sehr viel Feingefühl nötig! Man versucht an der Montierung die azimutale Richtung sowie gleichzeitig durch Drehen der Rändelmutter die Höhe zu verstellen. Manchmal tut sich gar nichts und dann wieder fängt es gleich zu hüpfen an. Wie schon gesagt, das Spiel... Die Mechanik ist dann noch mit honigzähen Fett eingeschmiert, was das feinfühlige Nachführen zusätzlich erschwert. Hier kann man eher von Frust als von Beobachtungsgenuss sprechen.
Ich möchte noch kurz auf das restliche Zubehör eingehen: Das Zenitprisma ergibt in Verbindung mit dem 20er Okular ein akzeptables Bild, berücksichtigt man das geringe Eigengesichtsfeld des Okulars von 40°. Das entspricht im Teleskop ca. 1°. Das ist nicht viel. Mit dem 10er und 6er Okular ist ein Nachführen bei dieser Qualität der Montierung schon fast unmöglich. Bei den Vergrößerungen mit diesen beiden Okularen stößt auch das Zenitprisma an seine Grenzen, was am künstlichen Doppelstern leicht zu erkennen ist. Man könnte Planeten und Doppelsterne zwar im geradsichtigen Einblick beobachten, aber hierbei kommt mit dem unbequemen Einblickverhalten eben das noch größere Problem mit dem Nachführen hinzu. Aber das war noch nicht alles: In der Bedienungsanleitung wird auf eine 233,3fache Vergrößerung mit der 2fach-Barlowlinse hingewiesen! Als weiteres Zubehör finde ich noch ein Okularfilter für die Mond- und Sonnenbeobachtung. Es ist ja bekannt, dass ein Sonnenokularfilter höchst gefährlich ist, da es durch die enorme Hitzeeinwirkung zerspringen kann und dem Auge dann irreparable Schäden bis zur völligen Erblindung drohen! Auf einen Test dieses Zubehörteils wurde deshalb verzichtet.
Am Schluss stellt sich die Frage, ob der Kauf eines solchen Billigfernrohres sinnvoll ist. Bedenkt man, dass dieses Teleskop über 20 Jahre nur ungenutzt herumlag, war es sicher keine gute Anschaffung. Es sollte klar sein, dass an einem Fernrohr in dieser Preisklasse (ein gutes Okular kann um einiges teurer sein) bei der Verarbeitung eben etliche Abstriche hinzunehmen sind. Diese können so krass sein, dass ein Beobachten damit gar keinen Spaß machen kann! Wiederum ging aus dem Test hervor, dass das Objektiv eigentlich recht gut wäre. Mit einer ordentlichen mechanischen Verarbeitung des Tubus und entsprechend berechneter Streulichtblenden, um auch 1¼"-Okulare verwenden zu können, hätte man ein Gesichtsfeld von über zwei Grad zur Verfügung. Dann hätte man ein durchaus brauchbares Fernrohr zum Beobachten von Sonne, (natürlich mit den nötigen Sicherheitsmaßnahmen!) Mond, Planeten und helleren Deep-Sky-Objekten. Dazu gehört natürlich ein Sucher, mit dem man auch etwas findet und eine stabile Montierung. Die Montierung braucht dabei nicht unbedingt parallaktisch sein, man hätte aber damit gewisse Vorteile. Aber das bekommen Sie natürlich nicht zum Preis eines Kaufhausteleskops...
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