Bei den Gehsteigastronomen
von Herbert Zellhuber
Vor kurzem konnte ich in unserer Regionalzeitung folgendes lesen: "Eine Gruppe Hobbyastronomen wird am ... bei ... Teleskope aufstellen. Tagsüber wird die Sonne, ab 21 Uhr der Nachthimmel beobachtet. Besucher sind zum kostenlosen Infotag willkommen." Mein erster Gedanke: eine Verkaufsausstellung? - Da muss ich 'mal schauen!
An besagtem Termin fand ich mich dann ein. Gleich neben der viel befahrenen Hauptstraße beim Rathaus meines Heimatortes Peißenberg standen im Parkplatz einige Fernrohre. Von den drei Veranstaltern kannte ich Denis Monjon, einen ehemaligen Astrohändler aus Weilheim und Michael Fendt, ein langjährig praktizierender Amateurastronom. Der dritte war Stellyo Leunig. Da die Teleskope auch noch alle gleichen Fabrikates waren, fragte ich neugierig, ob dies nun eine Verkaufsveranstaltung sei. Die Antwort war: "Nein, wir wollen die Leute durch unsere Fernrohre gucken lassen und ihnen die Astronomie näher bringen. Sie können auch ihre eigenen Teleskope herbringen, falls sie damit irgendein Problem haben. Wir sind alle paar Wochen in einem anderen Ort im Landkreis. Auch der Regionalsender weist auf unsere Veranstaltungen hin. Und wenn sich jemand ein Teleskop zulegen möchte, geben wir ihm gerne noch ein paar Tipps mit auf den Weg." Sie meinten, auch ich könnte mein Fernrohr mit dazu stellen. Also brachte ich mein MUM-Astrobino zur Sonnenbeobachtung her. Die Besucher konnten auch in den von mir favorisierten Astrozeitschriften und dem neuen Deep-Sky-Buch blättern. Wenn bei Führungen binokular beobachtet wird, sollte man etwas Geduld aufbringen. Bei einem Gast müssen ja vorher der jeweilige Augenabstand und das linke bzw. rechte Auge scharf eingestellt sein. Dann ist das Beobachten mit beiden Augen natürlich ein besonderes Schmankerl. Auch wurden mir jede Menge Fragen gestellt: Was sind Sonnenflecken? - Wie entstehen sie? - Was ist das "körnige"? (Granulation) - Was ist das um den dunklen Sonnenfleck? (Penumbra) - Was ist das am Sonnenrand? (Fackelgebiete) - Was sind eigentlich Protuberanzen...? So mancher sah die Sonne zum ersten Mal im Fernrohr und war schon etwas verwundert, dass man mit einem kleinen Fernrohr so viel erkennen kann. Wir gaben den Hinweis, dass wir abends die Fernrohre auf dem Volksfestplatz aufstellen werden und viele gaben ihre Zusage, dass sie kommen werden.
Um 21 Uhr waren unsere Teleskope dann auf einer kleinen Anhöhe im Ort aufgestellt. Insgesamt waren es sechs Teleskope. Mein 8"-Nirosta, zwei weitere Achtzöller und drei Refraktoren mit drei und vier Zoll Öffnung. Der Platz war gut gewählt, es konnten uns keine Autoscheinwerfer und Straßenlaternen stören. Es war noch nicht richtig dunkel, als der Mond beobachtet wurde. Da staunte so mancher nicht schlecht, wie viele Krater da zu sehen sind. Es kamen immer mehr Besucher, wir schätzten sie auf ca. 100. Als der Mond von den Bäumen verdeckt wurde, ging's zur Deep-Sky-Beobachtung. Zuerst stellte ich den Doppelstern Albireo ein. Die Leute wurden von mir gefragt, welche Farben sie an den Sternen erkennen. Nach meiner Einschätzung konnten Kinder und Frauen die Farben rot und blau leichter erkennen. Dann der Versuch mit M 57: Ich erklärte kurz, was ein Planetarischer Nebel ist, dann konnten die Besucher ihn durch mein Fernrohr bei 100facher Vergrößerung beobachten. Nach meiner Aufforderung, die Sterne zuerst scharf zu stellen und dann nach einem Fleck zu suchen, konnten manche Beobachter erstaunt feststellen, einen "Rauchring" zu erkennen. Eine Hausfrau verglich ihn mit einer "Zwiebelschale" und mehrere Kinder sahen darin eher einen kleinen "Kringel", also das ebenso benannte Feingebäck. Weiter ging es dann mit M 13, ebenfalls 100fach. Bei einigen brauchte ich nicht lange fragen, ob sie etwas erkennen. "Oooh!", "uiiii!", "bääärig!" [letzteres heißt so viel wie bärenstark] waren zu vernehmen. Dann war der Zirrusnebel an der Reihe. Ich erklärte, dass dies der Rest einer Supernova ist. Mit dem Nebelfilter konnte das Objekt von allen gesehen werden, obwohl die Durchsicht nicht besonders gut war. Im Laufe der Veranstaltung konnte ich etwas bemerken, das ich bei meinen üblichen Beobachtungen bei Nacht - ich bin ja meistens allein in der "Prärie" - noch nicht erlebte. Ich stand meistens neben meinem Fernrohr, falls jemand damit nicht klar kommen sollte. Und da wehte mir des Öfteren der Duft von mehr oder weniger sympathischem Parfüm der recht zahlreich gekommenen meist jungen Damen entgegen.
Der Andromedanebel war schwach frei Auge zu sehen. Im Fernrohr waren auch die beiden Begleitgalaxien zu erkennen. Mein Kommentar dazu: "Entfernung 2,2 Millionen Lichtjahre, 200 Milliarden Einzelsterne, ähnlich so groß wie unsere eigene Milchstraße. Dann wollte jemand wissen, wie teuer mein Spiegelteleskop wäre. "Alles selbstgebaut, außer den beiden Spiegeln - die kosteten damals ca. 1000 DM.", war meine Antwort. Das erstaunte so manchen, dass man ein Teleskop auch selbst bauen kann. Als nächstes Objekt zeigte ich den Doppelsternhaufen in Sternbild Perseus, bei niedriger Vergrößerung und großem Gesichtsfeld. Auch dieses Objekt konnte begeistern. Nun war es bereits 23 Uhr und viele Leute gingen schon wieder nach Hause. Den noch verbliebenen Besuchern beantworteten wir noch einige Fragen. Mit den Fragestellungen war auch gut der Wissensstand der meist astronomischen Laien zu sehen. Auch ein "Zeitungsfritze" war da - er möchte einen Artikel über diese Veranstaltung schreiben - und fragte mir fast ein Loch in den Bauch.
Ja - es machte Spaß, den Leuten etwas zu zeigen was sie nicht jeden Tag sehen können. Es ist schon ein gewaltiger Unterschied, ob man nun ein Himmelsobjekt auf einem Foto oder "live" im Fernrohr sieht. Unser "Treiben" erinnerte mich sehr an die Sidewalk-Astronomers (Gehsteig-Astronomen), zu dessen Organisation in den USA auch die lebende Legende John Dobson gehört. Vielleicht könnte dieser Bericht dazu beitragen, dass die eine oder andere Gruppe von Amateurastronomen auch einmal so etwas veranstaltet, um das "Gehsteig-Astronomen-Feeling" zu erleben.
Dieser Aufsatz wurde in der Zeitschrift Magellan 1/2002 abgedruckt.
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