Der Einstunden-Galaxien-Marathon mit einem 3-Zöller
von Herbert Zellhuber
Das Beobachten des Nachthimmels mit einem Feldstecher hat natürlich seine besonderen Reize. Mehrjährige Beobachtungen mit meinem selbstbebauten MUM-Astrobino mit 90°-Einblick, 80mm Öffnung und 30facher Standardvergrößerung bestätigen es: In der Tat beobachtete ich in den letzten Jahren öfter mit dem Bino als mit dem Achtzöller. Die 30fache Vergrößerung bevorzuge ich einer 20fachen, da hier die kleinen Galaxien leichter zu sehen sind. Zum Beobachten von kleinen Galaxien wäre zwar eine 40fache Vergrößerung noch besser, das Gesichtsfeld ist da aber kleiner und der Starhop geht nicht mehr so flott voran.
Als ich mal wieder meine Beobachtungen aus dem Virgo-Galaxienhaufen auswertete, stellte ich fest, dass mit dem Bino innerhalb einer Stunde 27 Galaxien gesehen wurden - wohlbemerkt nur beim gemütlichen "rumstöbern". Ich stellte mir die Frage, wie viele Galaxien ich wohl in einer Stunde mit dem Bino sehen könnte, wenn ich mich speziell darauf vorbereite. Also nahm ich die mit dem Computer erstellten Aufsuchkarten zur Hand, die ich gewöhnlich für meine Beobachtungen verwende. Auf der Rückseite der Aufsuchkarten sind die jeweiligen Daten wie Helligkeit, Größe und Flächenhelligkeit eingetragen und für jedes beobachtete Objekt ist noch eine kurze Beschreibung von mir dabei. Die sehr schwierig erkennbaren Galaxien wurden mit Bleistift gleich durchgestrichen, damit ich mich mit denen nicht unnötig lange aufhalte.
Ein paar Tage später ging ich dann zu meinem Beobachtungsplatz. Ich bin da auf 930m im Alpenvorland und habe für deutsche Verhältnisse einen überdurchschnittlich guten Himmel; gewöhnlich messe ich 6m2 bis 6m5 im Zenit. Die Zeit bis zur Dunkeladaption vertrieb ich mir mit dem Aufbau des Instruments und dem Sortieren der Aufsuchkarten. Natürlich ist auch mein stufenlos höhenverstellbarer Beobachtungsstuhl dabei, auf den ich keinesfalls mehr verzichten möchte. Dann richtete ich das Bino mit Hilfe des LED-Peilers auf M 81 / M 82 und begann mit "warmgucken". Unterhalb dieser beiden Galaxien fand ich NGC 2976 und 3077, nördlich davon NGC 2985, die durch indirektes Sehen erkennbar war. Nach 15 Minuten Dunkeladaption hielt ich mich "fit" genug, um den einstündigen Galaxien-Marathon zu beginnen. Ich hielt die Uhrzeit fest (22.07) und los ging's: Die 2985 war ja schon eingestellt, nun zu den Messiers 81 / 82 und NGC 3077 / 2976. Das waren schon fünf Galaxien innerhalb einer Minute. Dann peilte ich den Gamma-Stern im Großen Wagen an. Daneben ist unschwer M 109 zu erkennen. NGC 4102 war schwächer und 4088 auch kein Problem, ebenso NGC 4026. Per Starhop fand ich dann zu NGC 3953 und ziemlich genau nördlich davon war ich wieder beim Stern Gamma. Weiter ging's zur 3718 und 3631, letztere erschien relativ groß und schwach. Nun schnell die Uhrzeit notiert (22.21) und her mit der nächsten Aufsuchkarte! Stern Alpha im Großen Wagen anpeilen und von dort zu 3359; die ist zwar schwierig aber dank meiner Aufsuchkarten mit Sternen bis 11. Größe, finde ich sie sicher. NGC 3610 ist ziemlich kein und kaum von einem Stern zu unterscheiden, südlich davon ist indirekt NGC 3613 auszumachen. Und schon die nächste Karte! Stern Ypsilon im Sternbild Ursa Major wird angepeilt. Von dort zur relativ kleinen NGC 2950 und weiter zur 2768. Wieder wird die Uhrzeit notiert (22.35). Nun schwenke ich das Instrument in Richtung Löwe und suche M 95 / M 96. Da sind sie auch schon! Und M 105 mit NGC 3384 sind gleich mit im Gesichtsfeld. NGC3412 und 3377 finde ich auch ohne Schwierigkeiten. Wie viele Galaxien habe ich eigentlich schon? Ich hab' keine Zeit zum zählen! Es geht weiter zu M 65 und M 66, oberhalb davon ist NGC 3628 zu erkennen und 3593 ist bei auch nicht weit davon. Vom Leo-Stern Theta nähere ich mich dem Galaxienpaar NGC 3607 / 3608; die 3626 ist mit im Gesichtsfeld. Uhrzeit: 22.45. Mehr als die Hälfte ist schon geschafft. Ich greife zur nächsten Karte und suche den Stern Gamma im Sternbild Coma Berenices. NGC 4559 ist relativ groß und 4494 ist unschwer als diffuses Wölkchen auszumachen. Die berühmte 4565 sehe ich spindelförmig mit hellerem Kern. NGC 4725 ist groß und direkt zu erkennen. 22.55 Uhr, nun also der Endspurt! Ab ins Sternbild Jungfrau zu M 98 und M 99, NGC 4212 und 4216 sind südlich davon. Dann M 100, nördlich davon ist wieder ein Galaxienpaar, NGC 4340 und 4350, beide sind schwach aber sicher zu erkennen. M 85 ist wieder leicht und in der Nähe finde ich NGC 4293. Weiter wird zu NGC 4450 "sterngehüpft". Dann werden gleich sieben Messiers auf einen Streich geschlagen. Sieben auf einen Streich - kennt ihr das Märchen vom tapferen Schneiderlein? M 88, 91, 90, 89, 58, 59, 60 - ha! Südlich von M 58 ist ein enges Galaxienpärchen als NGC 4567 / 4568 eingezeichnet. Mit meinem Gerät sehe ich nur einen Fleck. NGC 4754 und 4762 sind wieder ziemlich schwach. M 87 ist die hellste Galaxie in dieser Region. Bei M 84 und M 86 erkenne ich NGC 4438 mit 4435. Gleich in der Nähe sind noch die 4473, 4477 und 4459. Ein Blick auf die Uhr: 23.11, die Stunde ist um! Uff, war das ein Stress! Neben dem Verzehr einiger Schokoriegel (es sind allerdings nicht jene, die nach einem Planeten benannt sind) zähle ich die Galaxien: 62 Stück in 64 Minuten! Ob schon jemand etwas Ähnliches gemacht hat? Ich weiß es nicht. Aber in Amerika gibt es ja genug "Spinner" die schon alles Mögliche anstellten. Wer meint, so einen Galaxien-Marathon zu unternehmen, kann's ja mal versuchen. Vielleicht mit etwas mehr Öffnung oder Computersteuerung.
Was ich aber mit dieser "Übung" noch zeigen wollte: Mit drei Zoll Öffnung kann man schon allerhand anfangen. Und wenn da noch ein guter Himmel und mehrere Jahre Beobachtungspraxis dazu kommen - dann erst recht!
Dieser Aufsatz wurde in der Zeitschrift Magellan 1/2001 abgedruckt.
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