Das Polarlicht am 20. November 2003 im bayrischen Alpenvorland

von Herbert Zellhuber

Der Himmel war klar; ich packte deshalb das 80/500-Astrobino ins Auto und fuhr ein Stück aus meinem Heimatort heraus, um dem lästigen Streulicht zu entkommen. Ich hatte vor, auf einen 15 km entfernten 930 m hohen Hügel zu fahren. Bei klarem Himmel finde ich dort meistens so um die 6m2 bis 6m5 vor.
Es war 18.10 Uhr und als ich während der Fahrt in Richtung Norden schaute, fiel mir ein seltsames Leuchten in Horizontnähe auf. Ist das Dunst? ... seltsam. Ich meinte, plötzlich einen schräg gerichteten Strahl zu sehen. Mein erster Gedanke: Ein Skybeamer? Oder war es nur eine Reflexion vom Autofenster? Nein, da ist noch mal ein Strahl zu sehen! Ich hielt an und schaute beim geöffneten Wagenfenster raus. Was ist das?? Da gehen mehrere Strahlen parallel - ganz deutlich! Sogleich schoss es mir durch den Kopf: Ein Polarlicht!! Ich stürze aus dem Wagen raus und sah es in voller Pracht. Etliche Strahlen richteten sich vom hell erleuchteten Nordwest-Horizont parallel fast bis zum Zenit. Manche Strahlen verschwanden langsam - andere entstanden wieder. Es schaute aus, als ob sich ein riesiger Vorhang am Himmel befindet, der sich auch noch leicht zu bewegen schien. Einfach Grandios!! Manche Strahlen waren nur schemenhaft zu sehen, andere wiederum waren hell.
Nach knapp zehn Minuten ließ das Spektakel nach, ich stieg wieder ins Auto und fuhr ein Stück weiter. Weit kam ich aber nicht, dann ging es wieder los! Raus aus dem Auto - uff, spinn' ich? Jetzt glaubte ich, einige helle Strahlen rötlich zu sehen. Das Horizontleuchten war an einigen Stellen heller geworden und ich meinte, dass dieses grünlich wäre. Echt Gewaltig!! Irgendwann ließ es auch wieder nach und ich fuhr an meinen Beobachtungsplatz. Das helle Leuchten spannte sich nun bogenförmig weit über den Großen Wagen. Es war so hell, dass ich leicht aus einigen Metern Entfernung das Nummernschild meines Autos lesen konnte. Dieses Leuchten war aber etwas ganz anderes als eine Dunstglocke im Streulicht.
Eine viertel Stunde rührte sich nichts besonderes mehr. Ich baute mein Astrobino auf und guckte ein wenig spazieren, das Polarlicht im Rücken. Dann, nach ungefähr einer halben Stunde kam wieder Bewegung ins Ganze. Da und dort sah ich einen Strahl hochsteigen. Manche Strahlen erweiterten sich zu Ballen, die bis zur Milchstraße reichten. Ich setzte mich in den Beobachtungsstuhl und genoss nur noch. Herrlich!! Der ganze Himmel war nun in Bewegung - ein wunderbares Schauspiel! Verflixt, warum hab' ich denn keinen Fotoapparat dabei? Ich ärgere mich ein wenig. Sollte ich nach Hause fahren und ihn holen? Nach einiger Zeit hatte sich der Himmel wieder einigermaßen beruhigt und ich beschloss, nach Hause zu fahren und die Kamera zu holen. Außerdem interessierte mich, wie dieses seltsame Leuchten in der lichtüberströmten Ortschaft wirkt.
Daheim angekommen war das Polarlicht zwar auch zu sehen, aber bei weitem nicht so beeindruckend. Ich glaube kaum, dass es vielen Leuten aufgefallen ist. Schnell packte ich das Stativ, Fotoapparat und Drahtauslöser in den Wagen und fuhr wieder raus. Angekommen wartete ich erst mal ab. Oder war das schon alles? Mittlerweile war es ungefähr 20.30 Uhr. Es war zwar das deutliche Leuchten zu vernehmen - der Große Wagen war voll in dieses Licht getaucht - aber es war kaum Bewegung erkennbar. In aller Ruhe baute ich mal die Kamera aufs Stativ und wartete ab. In östlicher Richtung schien sich wieder etwas zu tun. Oder habe ich mich getäuscht? Nein, da ist was! Ahhh, ein Strahl schiebt sich nach oben ... und noch einer ... es geht weiter! Es wird stärker. Ich richte die Kamera aus und belichte 15-20 Sekunden.
Ich werde nervös. Habe ich auch die Entfernung richtig eingestellt.. und die Blende..? - Alles ok. Nächstes Bild. Und noch eins. Ich schaue zum Pegasus. He, was ist das? Strahlen, um Pegasus! Ein Inferno!! Wieder ein Bild gemacht. Wenn das Bild etwas wird, werde ich es "brennt Pegasus?" nennen. Und weiter geht's! Ich rede mit mir selbst, lache wieder laut und laufe von einem Fleck zu andern. Hätte mich jemand dabei beobachtet, so hätte er mich für Rumpelstilzchen gehalten.
Dann wird's dramatisch. Es scheint der ganze Himmel zu brennen. Nur in Richtung Süden ist es noch dunkel. Von Ost bis West ist über den Zenit hinweg alles beleuchtet. Ich erkenne zwar keine Farben, aber nicht mal mehr die Milchstraße ist zu erkennen! Mensch, da läuft es mir kalt den Buckel runter. Ich weiß gar nicht mehr, wo ich fotografieren soll. Ich guck nur noch, muss mich auf den Beobachtungsstuhl setzen. Langsam tut mir der Nacken weh. Egal. Werde ich sowas je noch einmal sehen?
Nach einer Weile beruhigt sich der Himmel langsam wieder - ich mich auch. Um 22.00 Uhr ist der Große Wagen nur noch zum Teil vom Leuchten ausgefüllt. Ich packe langsam meine Sachen wieder zusammen. Obwohl, ich überlege - war das schon alles? Daheim angekommen schreibe ich erst mal stichpunktartig der astro-Mailingliste meine Polarlicht-Beobachtungen. Dabei schaue ich nochmal raus und sehe einen gewaltigen rot gestreiften Fleck in nordwestlicher Richtung, der sich bis zum Zenit erstreckt. In nordöstlicher Richtung sehe ich ebenfalls einen rötlichen Schimmer mit deutlichen roten Streifen, aber schwächer wie der andere. Phantastisch!! Das dauert fast 20 Minuten. Ich bin so ergriffen, dass ich vergaß, unser Haus mit Nordlicht zu fotografieren. Den Gedanken fasse ich erst, als es schon fast wieder vorbei ist. Na ja, was soll's? Jedenfalls habe ich endlich mal ein schönes Nordlicht gesehen.


Die Bilder entstanden mit einem 28mm-Objektiv bei Blende 2,8 auf Diafilm Kodak E200


Blick Richtung Westen - Mitte links: Sternbild Delphin




"Pegasus brennt!"


Blick Richtung Westen - rechts: Sternbild Schwan


Blick Richtung Osten - unten: Sternbild Stier


Blick Richtung Norden - unten: Großer Wagen

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