Pleiten, Pech und...
von Herbert Zellhuber
Ich war diesmal etwas später dran als sonst. Die astronomische Dämmerung fand schon 20 Minuten vorher statt, als ich an meinem Beobachtungsplatz ankam. Geschwind wurde daher der "Nirosta" aufgebaut. Nach zehn Minuten war's dann soweit: der Achtzöller stand und ich war einigermaßen dunkeladaptiert. Als erstes wollte ich den Cirrusnebel mit OIII-Filter mal wieder sehen. Prima! Aber was ist das? Zwei Fahrzeuge kommen mit eingeschaltetem Fernlicht auf mich zu. Kurz vor mir biegen sie in den Weg zur nahegelegenen Jagdhütte ab. Bald darauf wird auch noch die Außenbeleuchtung der Hütte angeschaltet. Was tun denn die da? Ach ja, es ist wieder mal Jagdzeit - und Freitag. Genervt durch die lästige Beleuchtung baue ich das Teleskop ab und wollte es weiter unten in einem Feldweg wieder aufbauen. Ich fuhr mit Standlicht die paar hundert Meter zurück, um die Dunkeladaption nicht vollkommen zu verlieren. Soweit ging alles gut. Ich war gerade beim Einnorden der parallaktischen Montierung und um durch den Polsucher den Polarstern anzupeilen, kniete ich nieder und stützte mich mit der Hand am Boden ab. Verdammte Schei...! Ich kniete mitten in einem frisch gesetzten Kuhfladen. Auch an der Hand klebte das eklige Zeug. Und wie das riecht - pfui Teufel! Es folgten derbe Flüche, die ich hier besser nicht wiedergeben möchte. Was soll ich nun machen? Nach Hause fahren? Sollte ich mich wegen diesem Missgeschick von meinem Beobachtugskonzept abbringen lassen? Also gut, ich putzte den Dreck ab und stellte das Fernrohr ein Stück weiter nach hinten, nach dem ich den Platz peinlich genau nach Kuhfladen abgesucht hatte. Endlich war dann der Cirrusnebel wieder drin. Aber was ist nun schon wieder? Hab' ich was an den Augen? Nein, nur das Okular ist angelaufen. Ich kam durch den ganzen Stress ins schwitzen und wenn ich zu nahe ans Okular komme, läuft es eben an. Also wird erst mal eine kleine Pause gemacht. Ich nahm noch mal ein Büschel taubedecktes Gras und wischte abermals die Hose ab. Ich meinte, dass es gar nicht mehr so streng riecht. Aber Gott sei Dank ist heute Frank nicht da - er wäre womöglich anderer Meinung gewesen. Bald drauf ging ich dann zum Teleskop zurück und konnte endlich den Cirrusnebel mit seinen interessanten Strukturen bewundern. Dann stellte ich den Ringnebel ein. Wo ist der Zentralstern wenn 240fach vergrößert wird? Natürlich ist er in meinem Achtzöller noch nicht zu sehen - egal. Kugelsternhaufen waren dann dran, M 15 und M 2, natürlich 190fach. Schön sind beide aufgelöst. Nun wären ein paar Galaxien im Pegasus ganz interessant. Ich hole mir die Aufsuchkarten hervor und versuche den Starhop. Irgendwas stimmt aber nicht; habe ich die falsche Karte oder den falschen Referenzstern? Oder halte ich die Karte nur verkehrt herum? Ein Blick durch den Peiler - der Stern ist richtig, auch die Karte stimmt. Aber was ist dann falsch? Heute klappt's wohl nicht so richtig mit schwachen Galaxien. Dann such' ich mir halt was anderes; offene Sternhaufen vielleicht? Ja! Aber was ist das nun wieder? Da sind ja gar keine Sterne mehr. Verdammter Mist - Wolken! Ich überlege, ob ich abbauen sollte. Ich warte noch etwas. Während ich so dastehe, denke ich mir: Warum machst du das Ganze eigentlich? Mitten in der Nacht stehst du in der Kälte und guckst durchs Fernrohr. Und dann noch der Ärger mit dem Wetter. Solltest du es nicht besser so machen wie andere Leute auch - die hocken jetzt vor der Glotze oder in der Kneipe. Oder sollte ich das Hobby wechseln? Briefmarken sammeln vielleicht? Da komme ich sicher nicht so leicht in die Verlegenheit, vom Wetter abhängig zu sein - oder gar in einen Kuhfladen zu greifen. Aber mit wem unterhalte ich mich dann über astronomische Ereignisse? Und die Teleskoptreffen? Und...? Es hat mittlerweile ganz zugezogen. Ich baue das Fernrohr ab und fahre nach Hause. Während der Fahrt quält mich noch immer der Gedanke, das geliebte Hobby aufzugeben. Nein, das werde ich nicht tun! Das nächste Astro-Abenteuer ruft!
Dieser Aufsatz wurde in der Zeitschrift Magellan 4/1999 abgedruckt.
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