Das Jahrhundertereignis:
Die Sonnenfinsternis am 11.August 1999
von Herbert Zellhuber
Das Erste nach dem Aufwachen war der Blick aus dem Fenster. Es schien die Sonne - Hurra! Es waren zwar auch einige Wolken zu sehen, aber so schlecht schaute es gar nicht aus. Der Wetterbericht im Radio sagte stärkere Bewölkung mit einzelnen Schauern an, es wären aber immer wieder Wolkenlücken zu finden. Bei Ulm wären die Chancen auf brauchbares Wetter einigermaßen gut, hieß es. Da Peißenberg nicht in der Totalitätszone liegt, beschlossen wir in diese Richtung zu fahren. Während der Fahrt begleiteten uns die vorhergesagten Schauer, aber auch die Wolkenlücken mit Sonne waren immer wieder drin. Bei Dillingen an der Donau fuhren wir dann in einen Feldweg. In der Nähe waren schon mehrere Autos geparkt und die Leute hatten Fotoapparate und kleine Fernrohre aufgebaut. Wir verpassten den ersten Kontakt, aber bald danach lugte die Sonne durch eine Wolkenlücke. Mit der Finsternisbrille konnte man deutlich erkennen, dass schon ein kleines Stück der Sonne fehlte. Ich baute geschwind meinen Refraktor auf, doch bis ich durchschauen konnte, war die Sonne schon wieder weg. Um das Warten auf die Totalität etwas zu verkürzen, kramten wir ein paar Brötchen heraus. So richtig gemütlich konnten wir sie aber nicht genießen, denn bald begann es leicht zu regnen. Ich musste den Refraktor vom Stativ nehmen und wir verzogen uns in den Wagen. Der Regen wurde stärker. "Nach diesem Schauer reißt es sicher auf" versuchte ich meine Begleiterin zu beruhigen. Tatsächlich hörte es nach einiger Zeit auf und ich konnte den Refraktor wieder aufbauen. Endlich gestattete uns eine Wolkenlücke wieder einen Blick zur Sonne. Toll! Der Mond bedeckte die Sonne schon fast zur Hälfte. Doch die Sonne war wieder nur kurz zu sehen. Mich beunruhigte eine dunkle Wolke westlich von uns. Sie kam näher und näher und es begann abermals zu regnen. Also: Refraktor abbauen und wieder ins Auto. Noch 20 Minuten bis zur Totalität: Der Regen wurde immer stärker und gelegentlich fuhr sogar grollend ein Blitz herab. Bangend blickten wir aus dem Wagen, dass es doch endlich nachlassen würde. Noch fünf Minuten bis zur Totalität: Der Regen wurde schwächer. Ich nahm den Regenschirm und stieg aus dem Auto. Meine Begleiterin blieb lieber im Wagen sitzen, denn der Feldweg war schon ziemlich aufgeweicht. Dann wurde es immer dunkler, allein von den Gewitterwolken konnte dies nicht mehr sein. Im Ort schaltete man die Straßenbeleuchtung an. Jetzt war es schon so dunkel wie bei einer fortgeschrittenen Dämmerung. Ein Blick auf die Uhr bestätigte es: Der Zeitpunkt der Totalität war gekommen. Da stand ich nun im Gewitterregen. Das soll das Jahrhundertereignis sein? Wir fanden, dass dieses "Spektakel" eigentlich eher einem Gewitter bei Dämmerung glich - nur dass es eben um die Mittagszeit stattfand. Bald drauf wurde es langsam wieder heller. Ich packte mein Stativ in den Wagen und wir fuhren wieder zurück. Der Rest der partiellen Phase interessierte uns nicht mehr. Auch der in der Kühltasche mitgebrachte Sekt blieb unangetastet - ich werde ihn aufmachen, wenn meine 400er Astrokamera fertig ist.
Dieser Aufsatz wurde in der Zeitschrift Magellan 1/2000 abgedruckt.
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